Ein kleiner Einblick ins Homeoffice

Um es vorweg zu nehmen: Ja, ich befinde mich in einer privilegierten Situationen. Als Grundschullehrerin mit Abordnung ans Studienseminar musste ich mir momentan noch nicht wirklich Gedanken machen, wie ich meine Kinder während der Arbeitszeit betreue bzw. ob ich meine Kinder in die Notbetreuung geben muss.

Ich selber habe seit Beginn der Kontaktsperre versucht, meinen Arbeitsrhytmus zunächst beizubehalten: Aufstehen um halb sieben, Frühstück mit dem Mann (der nach wie vor jeden Tag zur Arbeit fuhr), Zeitung lesen, Unterricht vorbereiten, Unterrichten, Unterricht reflektieren. Das hat so leidlich geklappt, denn spätestens ab dem Zeitpunkt „Mama, ich bin wach, was kann ich machen?“ musste die produktive Phase unterbrochen werden.

Am zweiten Tag habe ich die Kinder dann vor meinem Videochat mit der Klasse geweckt, damit sie währenddessen frühstücken und danach schon mal mit der AntonApp weiterarbeiten konnten.

Die AntonApp hatte am dritten Tag merklich an Faszination verloren. Die „freiwilligen Aufgaben“ der jeweiligen Lehrer waren erledigt. Die Kinder wechselten zu Minecraft und bauten gemeinsam einen digitalen Palast. Dann entdeckte die Große Roblox für sich und versank darin, auch und besonders, weil sie dort mit ihren Freundinnen zusammen spielen konnte.

Mein Fachseminar gestaltete ich in dieser Zeit zu einer virtuellen Sitzung um und erwähnte gleich zu Beginn, dass es okay sei, wenn sich jemand zwischendurch einmal für eine kurze Zeit ausklinkt. Dauernde Präsenz kann unheimlich anstrengend sein, hatte ich schon festgestellt. Nach einer Stunde intensiven Videochats war ich manchmal ziemlich erschlagen und brauchte ein kurzes Time-out.

Also wechselte ich zwischen Laptop, Videochat und Kindern hin- und her und fragte mich, wie denn bitte die Eltern das machen, die tatsächlich im Homeoffice verpflichtend arbeiten müssen. Die an Videochat- und Telefontermine gebunden sind und nicht mal eben zwischendurch K7 ein Nutellabrot schmieren können, wenn es Hunger hat. Oder mit K6 Radschlag üben, weil das Wetter gerade so schön ist. Oder einen sehr lauten Streit zwischen Schwestern schlichten können, nur weil die eine der anderen auf dem Trampolin ein Beinchen gestellt hat.

Ich bin sehr froh über unseren wirklich großzügigen Garten, der mit Slackline, Turnstange, Trampolin und Schaukel den Kindern viele Bewegungsmöglichkeiten bietet. Ich habe gelernt, mich dafür nicht zu rechtfertigen, denn schließlich finanzieren wir das mit unserem selbst erarbeiteten Geld.

Während der Osterferien habe ich dann wirklich versucht, mein Arbeitspensum zu minimieren, auch weil mein Mann Urlaub hatte. Die Videochats mit der Klasse liefen nun relativ routiniert, aber dafür starteten die Vorbereitungen für die Zeit nach Ostern (Iserv und Co. für die Schule einrichten). Ich habe überwiegend die Zeit nach dem Mittagessen für Büroarbeit und die Prüfungsvorbereitungen meiner Anwärter genutzt und wichtige Telefonate oder Chats in die Abendstunden verlegt.

Ich versuchte also, meine Arbeitszeit zu beschränken, immer im Hinterkopf die Stimme des Mannes „MUSST du das eigentlich alles machen?“ (Nein, musste ich nicht. Ich WOLLTE. Endlich einmal die Möglichkeit, all das auszuprobieren, was bislang nur Überlegung und Gedankenausflug war.)

Eine Kollegin entgegnete einmal, als ich ihr von meinen Arbeitsergebnissen erzählte, ganz erstaunt, wir hätten doch Ferien, warum ich das machen würde? Meine Antwort: Damit ich nach den Ferien nicht bei Null anfangen muss.

Auf meine Arbeit bezogen traf das auch zu, aber ich hatte einen Punkt völlig außer Acht gelassen: Das Homeoffice der Kinder. Um allen Eventualitäten vorzubeugen, malten wir gemeinsam am Sonntag Abend einen „Stundenplan“: Aufstehen und Frühstück um neun, von 10:00 bis 10:45 erste „Lernzeit“ (die Kinder haben sich „Schulstunden“ gewünscht), dann eine kleine Snack- und Bewegungspause, dann eine zweite „Lernzeit“. Nach der Mittagspause gegebenenfalls weitere Lerneinheiten, das wollten wir zunächst abwarten.

Mein Homeoffice sollte jeden Morgen um acht starten, in die 1. Lernzeit legte ich Videochats und wollte dann in der zweiten Lernzeit meinen Mädels helfend zur Seite stehen. Guter Plan, dachte ich. Schöne Struktur.

Montag Morgen musste ich zunächst das „Arbeitspaket“ für K7 (1. Schuljahr) an der Schule abholen, da sei ab acht Uhr möglich. Mein Homeoffice begann also etwas verspätet um 8:30. Ich bereitete noch eine Aufgabe für den Kunstunterricht vor, mit Erklärfilm und Beispielen. Dann noch schnell ein paar Passwörter im Iserv neu setzen, damit alle Kinder unserer Schule sich anmelden können. Und um kurz nach neun die Mädels wecken.

Während K6 (5. Klasse) ihre Aufgabe für Geschichte bereits über den Iserv erhalten hatte (die ich dann ausdrucken musste), hatte K7 sich direkt die Matheaufgaben vorgenommen. Nach dem Klassenchat startete die Mamailfe. Eine Stunde lang erklärte ich K6 die Aufgabe in Geschichte (Definiere Antike und Polis), beantwortete Verständnisfragen und motivierte K7, nach einer Seite im Mathebuch auch noch zwei Seiten im Arbeitsheft zu bearbeiten (laut Plan für Montag vorgeschrieben). Für K6 reaktivierte ich den alten HP-Laptop und richtete ihr darauf ein Konto ein, so dass sie nun bequem auf Iserv und Textverarbeitungsprogramm zugreifen kann.

Dann führte ich ein längeres Beratungsgespräch mit einer Anwärterin, während die Kinder den Rest der Aufgaben alleine erledigen sollten, nur zweimal unterbrochen durch „Mama, wie lade ich das jetzt im Iserv hoch?“ und „Ich hab Hunger!“.

Meine persönliche To-Do-Liste war bis Mittags nicht einmal ansatzweise abgehakt. Drei große Diskussionsthemen nahmen davor viel Raum ein: Die Lehramtsprüfungen, der Einsatz des Iserv an meiner GS und die Lernwege meiner Schüler.

Jetzt kam als dringliches Thema das Distanzlernens meiner eigenen Kinder dazu. Wie gehe ich mit dem Iserv um? Wie bearbeite ich gesperrte Worddokument? Und wie PDFs? Wie lade ich Dateien hoch? Wie kontaktiere ich die Lehrer? Was mache ich bei Null-Bock-Phasen? Warum muss ich als Mama alle Aufgaben den Kindern in verständlichen Worten noch einmal erklären? Gibt es nur wirklich zwei Aufgabenformate-Arbeitsblatt oder Dokument bearbeiten?

Den heutigen Morgen habe ich fast ausnahmslos im Mamahilft-Modus verbracht, trotz Plan und Absprachen. Meine eigenen Aufgaben verlagern sich dadurch und ich merke, dass ich meinen Rhythmus erneut anpassen muss. Anstrengend, denn ich stecke mitten in den Prüfungsvorbereitungen und MUSS im Homeoffice arbeiten. Bin also jetzt auch der Situation, dass ich es mir nicht mehr wirklich aussuchen kann.

Ich hatte immer schon Verständnis für alle Eltern, die sich über Arbeitsblätterfluten beklagen, welche ohne Hilfe nicht bearbeitet werden können. Jetzt wünsche ich mir, dass doch bitte noch mehr Kollegen überlegen, ob Lerninhalte auch auf andere Art und Weise vermittelt werden können.

Laut vorläufiger Planung werden meine Kinder bis Juni nicht in die Schule gehen. Ich hoffe, dass sich das „Distanzlernen“ bis dahin eingespielt hat.

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