Kinder mit Fluchterfahrungen in der Grundschule

Als die ersten Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien 2015 in unserer Kleinstadt eintrafen, war ich Konrektorin der vierzügigen Grundschule vor Ort, mitten in der Qualifizierungsphase und darum ohne Klassenleitung. Damals gab es wenig Erfahrungen darüber, wie Kinder mit Fluchterfahrungen, teils stark traumatisiert, in ein (niedersächsisches) Grundschulsystem integriert werden könnten. 

Wir nahmen sie zunächst auf wie jedes neue Kind, merkten aber schnell, dass Sprache ein Problem darstellen kann. Die meisten Eltern konnten kein Englisch, sondern nur ihre Muttersprache, also Farsi, Dari oder Arabisch (wobei die meisten Eltern das Arabische zumindest verstehen). Zwar gab es Dolmetscher, diese waren jedoch schwer zu bekommen und total ausgebucht. 

Eine der ersten Anschaffungen war eine Publikation vom Persen-Verlag („Bildvorlagen für multikulturelle Elterngespräche“), die wir für unsere Schule entsprechend anpassten. Google Translator war zusätzlich unser bestes und meistgenutztes Tool.

Wir ordneten die Kinder, zunächst eine Handvoll (später waren es fast 20 Kinder ohne jegliche Deutschkenntnisse, überwiegend nicht alphabetisiert) altersmäßig den passenden Klassen zu. Das „altersgemäß“ war nicht immer einfach, denn teilweise konnten die Eltern kein genaues Geburtsdatum benennen bzw. die Erstaufnahmestelle hatte das Kind jünger oder – was noch gravierender war – älter gemacht. Eines der Flüchtlingskinder – den wir viel jünger einschätzten als er per Dokument sein sollte – hat dann auch erst im dritten Schuljahr seine Milchzähne verloren….

Die Kinder hatten kaum Materialien dabei, aber die Spendenbereitschaft in der Schulgemeinschaft war groß. Im Laufe der nächsten zwei Jahre wuchs eine Sammlung von Sportkleidung und -schuhen sowie gut erhaltenen Schultaschen in einem Raum heran, der eigentlich für den Fachbereich Deutsch gedacht war, aber strategisch gut lag.  Aus diesem Fundus statteten wir dann jedes neue Kind aus, wenn der Bedarf bestand.

Durch eine großzügige externe Spende konnten wir Materialkisten für jede Klasse zusammenstellen, in denen sich die Verbrauchsmaterialien befanden, die im Unterricht eingesetzt werden (Scheren, Klebestifte, Farbkästen, Blöcke mit passender Lineatur, Radiergummi, Lineal, Geodreieck, Folienstifte, Marker, usw.). Wir hatten zunächst jedes der Kinder einzeln ausgestattet, dann aber festgestellt, dass die benötigten Materialien aus der Schultasche plötzlich nicht mehr auffindbar waren. Die Kinder vergaßen sie zu Hause bzw. verbrauchten alles gemeinsam mit den jüngeren Geschwistern. Die Eltern konnten finanziell die Neuanschaffung nicht stemmen, also gab es in der Schule Material, das auch in der Schule blieb.

Dann nutzen wir die Möglichkeit der Bildung einer Sprachlernklasse, die ich leitete. Die Kinder kamen jeweils nach einem festgelegten Plan zu mir in den zusätzlich eingerichteten Raum. Dank unserem Schulträger konnten wir ihn mit passendem Material großzügig ausstatten, aber um es vorwegzunehmen: Der Hit bei allen Kindern war das Kartenspiel meiner Freundin Silke, die uns bei der Sprachförderung unterstützte („Alles Tomate“-ist immer noch erhältlich). Zusätzlich gab es Puzzle, Bilderbücher, Bastelmaterial, ABC-Spiele, usw., und natürlich ganz viel DAZ-Material.

Je nach Alphabetisierungsfortschritt haben wir das Material von „Komm zu Wort!“ (Finken-Verlag) bzw. „Willkommen in Deutschland“ (Verlag Mildenberger) genutzt. 

Das Material vom Finken-Verlag kann mit dem Bookii-Stift (damals war es der Ting-Stift) kombiniert werden, so dass Wort-Bildzuordnungen auch ohne Alphabetisierung möglich sind. Der Bookii-Stift bietet zusätzlich noch die Möglichkeit, eigene Sprachaufnahmen zu erstellen und per Scanpunkt (z.B. auf einer Wort-Bildkarte) für die Kinder bereitzustellen.

Es wurden damals vier Amazon Kindle angeschafft, auf denen einige Apps zum Spracherwerb installiert wurden (heute bieten sich dafür Ipads an).

Leider ist die App „phase 6 Hallo!“ vom Mildenberger Verlag nicht mehr verfügbar. Für Kinder in der Alphabetisierungsphase bietet sich die Conni-App vom Carlsen-Verlag an: Conni ABC und Conni Lesen wurden von den Kindern gerne genutzt. Auch mit der Anton-App kann man wunderbar arbeiten. Dazu bietet fast jeder Verlag eine App zum Lehrwerk an, mit der bereits alphabetisierte Kinder arbeiten können. 

Jedes Kind hat seinen individuellen Arbeitsplan bekommen, an dem es gearbeitet hat, wenn nicht gerade etwas Wichtigeres anstand. 

Und es gibt etwas, was für Kinder mit Fluchterfahrung viel wichtiger ist als das Erlernen der deutschen Sprache: Sich sicher fühlen. 

Da gab es den Jungen, der auch im warmen Klassenraum seine Winterjacke anließ. Weil er nur diese besaß und Angst hatte, sie zu verlieren. Das hatten seine Eltern ihm auf der Flucht eingeschärft. Alles im Auge behalten.

Oder das Mädchen, das beim Hinaufsteigen der Treppe plötzlich einen Panikanfall erlitt und fast über das Geländer gesprungen wäre.

Es gab den Jungen, der sich bei jedem Tiefflieger unter dem Tisch versteckte, aus Angst vor den Bombenangriffen. 

Der Junge, der von der Flucht aus Afghanistan erzählte, mit nur einem Schuh – den anderen hatte er im Matsch verloren.

Der Junge, der von seiner Holzeisenbahn „zu Hause“ berichtete, mit so leuchtenden Augen, dass ich für die Spielecke sofort eine kaufte. Die er dann behutsam und vorsichtig bespielte. Nicht wissend, dass es sein „zu Hause“ in der ihm bekannten Form nicht mehr gab.

Das Mädchen, dass nur auftaute und lachte, wenn es Kinderlieder über den mp3-Player hören konnte.

Und hier kommen wir zum Wesentlichen: Kinder mit Fluchterfahrung benötigen neben klaren Strukturen ganz viel Sicherheit. Den Stress, den die Flucht ausgelöst hat, kann man nicht mit Arbeitsblättern und Übungsmaterialien verringern. Bewegung hilft ein bisschen, das Adrenalin abzubauen. Dazu kann man Knautschbälle oder ähnliches Gerät (ja, auch die total tollen Poppit-Dinger) nutzen. Kneten ist prima. Jonglieren ist gut – sowieso (hier kann ich das Material von Rehoruli empfehlen). Baut kleine Bewegungseinheiten in euren Unterricht ein, wenn ihr das nicht sowieso schon macht.

Habt einen guten Blick auf die Kinder und lasst euch und ihnen Zeit, denn das Erzählen von der Flucht und den damit verbundenen Erlebnissen sollte nicht erzwungen werden. Das Kind entscheidet selbst, wann es dafür bereit ist und wem es sich öffnen möchte. Sollte eine Schulsozialarbeiterin oder ein Schulsozialarbeiter zur Verfügung stehen, nutzt diese Möglichkeit. 

Zum Schluss noch eine ganz persönliche Empfehlung: Ich habe in dieser Zeit viele Workshops und Seminare besucht, zur Einrichtung von Sprachlernklassen und zum Umgang mit den Flüchtlingskindern. Herausragend war das Seminar von Urte Bruncken „Vielleicht dürfen wir ja bleiben…“ (https://www.urte-bruncken.de/beratung/traumapaedagogik), die sehr anschaulich und praxisnah zeigt, wie traumatisierte Kinder unterstützt werden können. Und dass die Selbstfürsorge der Lehrkräfte ebenfalls sehr wichtig ist. 

Kinder mit Fluchterfahrung sind nicht einfach Kinder mit Migrationshintergrund. Sie tragen ein zusätzliches Päckchen, das wir ihnen nicht abnehmen könnt. Aber den Weg, den können wir ihnen erleichtern.

Hier noch der Link zu einer kleinen, übersichtlichen Sammlung: https://kurzelinks.de/b91h

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