100 Tage Schulleitung – Frau Kruse und die Kühe

100 Tage Schulleitung – Frau Kruse und die Kühe

Seit dem 12.8. bin ich Schulleiterin, zunächst drei Monate „auf Probe“, jetzt auch offiziell mit Urkunde. 

100 Tage Schulleitung.

Gut, die Schulverwaltung ist für mich kein gänzlich neues Gebiet, war ich doch bereits 5 Jahre Konrektorin einer größeren Grundschule. Im Umgang mit DaNis und dem Stabil-Portal würde ich mich als ausreichend geübt bezeichnen. Meine Digitalkompetenz sollte also ausreichen, um die Verwaltung einer einzügigen Grundschule zu übernehmen und auch sonst sah ich mich gut gerüstet, um Teil des motivierten Kollegiums zu werden.

Trotzdem gab es in den letzten 100 Tagen neben dem ganz normalen Alltagsgeschehen auch so einige Kühe, die sich urplötzlich aufs Eis wagten und auch jederzeit zurückkehren können.

Die erste Kuh kam nach meinem Unfall im Sommerurlaub. Einmal nicht aufgepasst, ausgerutscht – Wadenbeinbruch. Es folgten Op, Krankenhausaufenthalt, Belastungsverbot aufgrund Stellschraube für sechs Wochen, wobei drei Wochen in den Ferien lagen. In den restlichen drei musste meine neue Schulgemeinschaft auf mich in Präsenz verzichten, ich arbeitete trotzdem – aus dem Homeoffice. Meine liebe Kollegin hielt dafür in der Schule die Stellung. 

Kuh ist vom Eis.

Die nächste Kuh spazierte eigentlich sogar schon vor meinem Amtsantritt aufs Eis – leider befindet sie sich immer noch nicht ganz auf festem Boden. 

Unsere Schule soll nämlich einen Anbau und eine Sanierung erhalten. Eigentlich (dieses Wort sollte verboten werden) sollte das ganze Bauvorhaben bereits im Sommer 22 abgeschlossen sein. Aufgrund einiger bautechnischer Veränderungen hatte sich jedoch die Planung unvorhergesehen um ein Jahr verlängert. Eigentlich kein Problem – wenn nicht alle Kinder bereits im Sommer 21 in die „provisorische Unterbringung“ umgezogen wären, die sich in den Fachräumen der großen städtischen Grundschule befindet – unterm Dach, um genau zu sein. 

Nun ist unsere Schule nicht sehr groß und man hatte sich ja auf ein Schuljahr in dem „Provisorium“ eingestellt. Für ein Jahr Zähne zusammenbeißen und das Beste daraus machen. Galt auch für unsere Gastgeber, die große Grundschule. Als sich nun abzeichnete, dass es nicht bei dem einen Jahr bleiben, sondern sich die Bauzeit mehr als verdoppeln würde, regte sich heftiger Protest. 

Meine ersten Handlungen waren also Telefonate zwecks Absprechen mit der Schulleiterin der gastgebenden Grundschule, die übrigens mal meine Chefin war. 

Es folgten Telefonate und anschließend Gespräche im Rathaus mit dem Schulträger – die ich dank Rollstuhl und organisiertem Fahrdienst wahrnehmen konnte.

Mittlerweile sucht der Schulträger nach einer alternativen Unterbringungsmöglichkeit, die uns zwar vor die Hürde eines erneuten Umzug stellt, danach aber hoffentlich ein einigermaßen normales Schulleben ermöglicht. 

Wie gesagt, die Kuh rutscht noch.

Um in der Schule Fuß zu fassen habe ich sowohl am Kollegiumsgrillen als auch an der Einschulung teilgenommen – mein Mann hat mich chauffiert. 

Nachdem dann die Stellschraube endlich entfernt wurde konnte ich dann auf Krücken endlich meinen Dienst vor Ort aufnehmen.

Nette Anekdote am Rande: Den Fahrtstuhl, der mich morgens in unser „Provisorium“ bringt, habe ich vor zehn Jahren als Ratsmitglied selber beantragt – damals im Zusammenhang mit dem Neubau der Turnhalle.

Die nächste Kuh grüßte mich schon aus meinem Büro – besser gesagt, aus dem „Abstellraum“, denn so ist das Kämmerchen auf dem Fluchtplan benannt.
Ausgefüllt wurde er von einem Trumm von Schreibtisch aus den 70ern, der gemeinsam mit der bauschönen Schrankwand in weiß keinen Raum für andere Dinge bot. In diesem Raum konnte man keine vertraulichen Gespräche mit Eltern und Kolleginnen führen oder Kindern eine Möglichkeit zum Gespräch bieten. Da unsere Schule so klein ist (ich erwähnte es bereits), steht uns einmal pro Woche eine Sekretärin zu, alle zwei Wochen sogar an zwei Tagen. Raum gibt es für sie aber nicht, und so darf ich einmal die Woche meinen Arbeitsplatz meiner Sekretärin überlassen. 

Ich beantragte also recht zügig einen passenden Schreibtisch für das „Büro“, um den alten Tisch im Lehrerzimmer zum Arbeitsplatz umzufunktionieren. Schulträgers Mühlen (Haushaltssitzungen sind erst Ende des Jahres) malen langsam und ich bin da recht pragmatisch – ich besorgte mehrere Tischbeine und zwei Platten, mein Mann baute daraus einen zweckmäßigen Schreibtisch. Ein “Provisorium“ fürs „Provisorium“ quasi, dazu ein neuer Arbeitsplatz fürs Lehrerzimmer.

Kuh ist vom Eis.

Aber die nächste Kuh schaute schon ums Eck bzw. übers Netzwerkkabel. Die für unsere Schule vorgesehene DSL-Leitung ist etwas störungsanfällig, so dass bei Wetterumschwung oder Temperaturschwankungen auch schon mal gerne die Internetverbindung kurzzeitig ausfällt. Das Telefon funktioniert dann nicht und die Verwaltung ist offline. Die Schülergeräte und die digitalen Tafeln können die Wlan-Verbindung der gastgebenden Schule nutzen (Glasfaseranschluss), sonst würde gar nichts mehr laufen. Nach Absprache mit dem IT-Support („Das war ja auch eigentlich (!) nur für ein Jahr gedacht…“) habe ich dann einen LTE-Router angeschafft, der für unseren Verwaltungsrechner einen zuverlässigen Internetzugang bietet. 

Kuh ist vom Eis.

Was sonst noch passiert ist?

Vieles läuft automatisch ab, weil „es immer so war“ und das auch wirklich gut läuft. 

Vieles wird von den Behörden vorgegeben (Statistik, usw.).

Ich habe meine Kommunikationsstrategien erläutert und setze sie konsequent um. Termine sind alle im Iserv abrufbar, regelmäßige DBs, Elternratssitzungen, jour fixe mit der Personalrätin.

Ein Schulentwicklungsplaner wird uns bald unterstützen. 

Gemeinsam mit zwei Schulleiterinnen-Kolleginnen habe ich eine pädagogische Dienstbesprechung unserer drei Kollegien geplant und durchgeführt mit dem Ergebnis, dass wir gemeinsam im Februar einen Schulentwicklungstag zum Thema Digitalität durchführen werden, auf den ich mich sehr freue.

Für die Kinder, die sich ganz zu Anfang von mir „mehr Schulgemeinschaft“ gewünscht haben, konnte dank Absprache mit der gastgebenden Schule ein gemeinsames gesundes Frühstück in der Mensa durchgeführt werden, mitorganisiert von den Eltern. Mit den Fördergeldern des Landes gab es einen gemeinsamen Bewegungstag mit „Trixitt“, wir haben nun „Klasse 2000“ zu uns geholt, eine kleine Schülerbücherei ist im Aufbau und der Märchenerzähler besucht uns im Dezember.

Daneben werden wir wie in jedem Jahr gemeinsam mit Eltern einen Adventskranz binden, einen Weihnachtsgottesdienst abhalten, ein Theaterstück besuchen und, und, und. 

Ich habe eine tolle und super funktionierende Schulgemeinschaft übernommen, wofür ich meiner Vorgängerin und meinem Kollegium unendlich dankbar bin. 

Ja, das ist ein bisschen wie Bullerbü. Nur mit einigen Kühen. 

Kinder mit Fluchterfahrungen in der Grundschule

Kinder mit Fluchterfahrungen in der Grundschule

Als die ersten Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien 2015 in unserer Kleinstadt eintrafen, war ich Konrektorin der vierzügigen Grundschule vor Ort, mitten in der Qualifizierungsphase und darum ohne Klassenleitung. Damals gab es wenig Erfahrungen darüber, wie Kinder mit Fluchterfahrungen, teils stark traumatisiert, in ein (niedersächsisches) Grundschulsystem integriert werden könnten. 

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